Agrartheologie und das Verhältnis von Religion und Natur in Tansania
Academy of International Ecumenism, University of Hamburg
Abstract
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich mit der Ökotheologie, der Agrarökologie und der Grünen Theologie mehrere ökologische Diskursfelder etabliert. Während die Ökotheologie häufig auf einer hohen Abstraktionsebene verbleibt, ist die Agrarökologie primär naturwissenschaftlich-säkular ausgerichtet und bindet theologische Reflexion kaum ein. Die Agrartheologie positioniert sich an der Schnittstelle dieser Ansätze und verortet theologische Erkenntnis systematisch in der landwirtschaftlichen Praxis sowie in deren materiellen Vollzügen – Boden, Pflanzen, Wasser und Erde als relationalem Ganzen. Landwirtschaft, Saatgut und Ernährungssysteme fungieren dabei als zentrale loci theologici.
Die Agrartheologie versteht sich als komplementärer Deutungsrahmen, der biblische Agrarmotive, afrikanische Öko-Spiritualitäten und zeitgenössische agroökologische Paradigmen integriert. Methodisch greift der Beitrag auf die Kosmologien der Bahaya und Banyambo sowie auf eine dekoloniale Analyse kolonialer Prozesse der Entheiligung der Natur zurück. Im Horizont einer materialistischen Theologie des Fleisches werden Landwirtschaft, Boden (adamah) und Ernährungssysteme als zentrale Orte christlicher Praxis neu interpretiert. Daraus ergibt sich die These, dass Landwirtschaft als Gottesdienst und als gehorsame Antwort auf den Schöpfer verstanden werden kann. Der Beitrag plädiert dafür, Landwirtschaft und Naturschutz als integrale Dimensionen kirchlicher Praxis und ökologischer Verantwortung zu begreifen.
1. Einleitung: Landwirtschaft als universaler theologischer Ort
Globale Debatten über Religion und Natur haben angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und ökologischer Ungerechtigkeit erheblich an Intensität gewonnen (Bloomquist 2013; Drewermann 1998). Eine zentrale Leitfrage dieser Diskussionen lautet, ob Religionen – insbesondere solche mit anthropozentrischer Prägung – Teil des ökologischen Problems sind oder ob sie zu Akteuren ökologischer Transformation werden können (White 1967).
In vielen dieser Debatten bleibt jedoch ein entscheidender Aspekt unterbelichtet: die Landwirtschaft. Seit frühester Zeit hängt jedes menschliche Gemeinwesen von der agrarischen Produktion ab. Dies gilt nicht nur für ländliche Gesellschaften, sondern ebenso für hochindustrialisierte und urbane Kontexte. Auch dort, wo Menschen keinen unmittelbaren Bezug zur Nahrungsmittelproduktion haben und Lebensmittel im Supermarkt erwerben, bleibt ihre Existenz materiell von landwirtschaftlicher Erzeugung abhängig. Am Ende muss jeder Mensch Nahrung zu sich nehmen, die aus dem Boden hervorgegangen ist.
Gerade deshalb ist die Frage nach Landwirtschaft nicht lediglich eine sozialethische oder entwicklungspolitische, sondern eine genuin theologische. Tägliches Essen bedeutet tägliches Eingebundensein in komplexe Beziehungsgeflechte: zu Boden, Wasser, Saatgut, menschlicher Arbeit, Märkten und Verteilungsstrukturen – und damit auch zur Frage nach Gerechtigkeit. Landwirtschaft ist daher nicht „ein Thema unter vielen“, sondern ein grundlegender Ort, an dem das Verhältnis zwischen Mensch, Schöpfung und Gott praktisch sichtbar wird.
Trotz dieser fundamentalen Bedeutung wurde Landwirtschaft bislang selten als systematischer theologischer Ort reflektiert. Die Ökotheologie hat wichtige Impulse geliefert, verbleibt jedoch häufig auf einer abstrakten Ebene und bleibt von den materiellen Bedingungen des Lebens entfernt. Die Agroökologie ist wissenschaftlich hochentwickelt, thematisiert jedoch selten die religiösen und spirituellen Dimensionen landwirtschaftlicher Praxis – etwa Fragen nach Sinn, Ethos, Hoffnung, Angst, Dankbarkeit und Deutung.
Diese Leerstelle ist nicht zufällig. Große Teile moderner Theologie sind von gnostischen Tendenzen geprägt, die das Materielle abwerten, sowie von einem Verlust schöpfungstheologischer Sensibilität. Inmitten der ökologischen Krise erweist sich diese Entfremdung als theologisch unhaltbar und pastoral unzureichend, da sie die materiellen Lebensgrundlagen aus dem Horizont des Heilsgeschehens ausklammert. Vor diesem Hintergrund entfaltet der Beitrag ein bewusst erdverbundenes theologisches Konzept: Agrartheologie.
2. Was ist Agrartheologie?
Agrartheologie ist ein theologischer Ansatz, der Glaube, Ökonomie und Ökologie nicht als getrennte Sphären behandelt, sondern sie im Ackerbau selbst verortet. Im Unterschied zu einer häufig philosophisch-abstrakten Ökotheologie beginnt Agrartheologie bei der konkreten Grundlage des Lebens: Erde, Saatgut und Nahrung. Sie versteht sich als eine Theologie, die bewusst in agrarischer Praxis verankert ist.
Agrartheologie ist damit keine marginale Spezialdisziplin, sondern der Versuch, eine zentrale theologische Einsicht zurückzugewinnen: Glaube betrifft nicht nur die Innerlichkeit, sondern ebenso die materiellen Bedingungen des Lebens. Bodenfruchtbarkeit, Wasserschutz, Ernährungsgerechtigkeit und landwirtschaftliche Praxis sind nicht bloß technische oder ökonomische Fragen, sondern berühren unmittelbar die Frage, wie Menschen vor Gott leben – in Verantwortung, Dankbarkeit und Anerkennung von Grenzen.
2.1 Landwirtschaft als Gottesdienst
Die zentrale These der Agrartheologie formuliert einen grundlegenden Perspektivwechsel: Nachhaltige Landwirtschaft kann theologisch als Gottesdienst und als Ausdruck treuen Gehorsams gegenüber dem Schöpfer interpretiert werden. Die oftmals mühsame Arbeit von Bäuerinnen und Bauern erscheint damit nicht länger als bloße Produktionsleistung, sondern als spirituelle Praxis. Der Ackerboden wird zum Ort theologischer Verantwortung, an dem der Bund zwischen Schöpfer, Schöpfung und Mensch praktisch erneuert wird.
Diese Deutung setzt eine Abkehr von dualistischen Denkformen voraus und öffnet den Blick für relationale Weltsichten, wie sie in afrikanischen Schöpfungsspiritualitäten ausgeprägt sind. Diese liefern nicht lediglich kulturelle Illustrationen, sondern eine tragfähige hermeneutische Grundlage, um Landwirtschaft als Beziehungsereignis zu verstehen.
2.2 Ziel und Aufbau des Beitrags
Ziel des Beitrags ist es, Theologie im Ackerboden zu verorten und die grundlegende Beziehung zwischen Menschen und Erde als theologischen Schlüssel zu erschließen. Agrartheologie fungiert dabei als Brückendisziplin, die Theologie bewusst erdet und Landwirtschaft als Ort gelebten Glaubens ernst nimmt. Sie fordert eine „Saatgut-Theologie“, verstanden als eine Theologie, in der sich ökologische, ökonomische und spirituelle Fragen im Horizont landwirtschaftlicher Praxis entscheiden.
Zur Entfaltung dieser These werden zunächst die theologischen Grundlagen afrikanischer Schöpfungsspiritualität dargestellt. Anschließend wird anhand der gelebten Weisheit der Bahaya und Banyambo gezeigt, wie diese Spiritualität in nachhaltige Praktiken mündet. Der dritte Abschnitt analysiert den historischen Bruch kolonialer Entheiligungsprozesse. Abschließend werden Brücken zur christlichen Kerntheologie geschlagen, um zu zeigen, dass eine erdverbundene Spiritualität integraler Bestandteil christlichen Glaubens ist.
3. Methodischer und konzeptioneller Rahmen
Der Beitrag folgt einem konzeptuell-hermeneutischen Ansatz, der systematische Theologie, Religionswissenschaft und afrikanische Kontexttheologie integrativ verbindet. Methodisch werden drei Perspektiven miteinander verschränkt: (1) afrikanische Schöpfungsspiritualität und afrikanische traditionelle Religionen (ATR), (2) biblische Agrardeutungen, insbesondere Gen 2–3, sowie (3) eine konstruktive systematisch-theologische Weiterführung im Sinne einer Agrartheologie.
Dabei geht es weder um eine unkritische Idealisierung indigener Religionen noch um eine Abwertung christlicher Traditionen. Im Zentrum steht vielmehr ein theologischer Lernprozess: die kritische Wiedergewinnung von Weisheit, die ökologische Verantwortung stärkt, sowie die Frage, wie Kirche und Theologie angesichts globaler ökologischer Krisen glaubwürdig handeln können.
4. Afrikanische Schöpfungsspiritualität und relationale Ontologie
4.1 Kosmologie: Verbundenheit
Nach dem Verständnis der Bahaya und Banyambo gehören Natur, Boden und alle Geschöpfe zu einer umfassenden Lebensgemeinschaft, die durch ein höchstes Wesen zusammengehalten wird, das als Ruhanga oder Nyamuhanga bezeichnet wird – ein Name, der „Schöpfer“ bzw. „Macher“ bedeutet. Ruhanga gilt als Ursprung und Quelle allen Lebens und damit auch als Garant für Fruchtbarkeit, Ernte und das Fortbestehen der Gemeinschaft (vgl. Niwagila, 1991, S. 386). Unter Ruhanga existieren verschiedene Gottheiten und Geister mit klar zugewiesenen Verantwortungsbereichen, die unmittelbar mit landwirtschaftlicher Praxis verbunden sind. Eine dieser Gottheiten ist Kazoba (die Sonne), auch Kazoba ka Nyamuhanga („Sohn Nyamuhangas“) genannt, die für Licht, Energie und lebensfördernde Kräfte steht, ohne die Landwirtschaft und Ernährung nicht möglich wären.
Familien und Clans verstehen sich als Gemeinschaften der Lebenden, der Ahnen und der noch ungeborenen Generationen. Diese Vorstellung begründet eine agrarisch geprägte Ethik der Verantwortung: Die Lebenden sind verpflichtet, das Land sorgsam zu bewirtschaften, seine Fruchtbarkeit zu erhalten und es unversehrt an kommende Generationen weiterzugeben. Land ist dabei kein privates Eigentum im modernen Sinne, sondern eine geteilte Lebensgrundlage, die zugleich den Ahnen und der Zukunft zugehört. Die Missachtung dieser Verantwortung gilt als schwerer Verstoß gegen die kosmische Ordnung und kann nach traditioneller Vorstellung mit Flüchen und Ernteausfällen geahndet werden.
Eine Loslösung vom Clan und von der Ahnenreligion erscheint daher undenkbar, da sie als Entwurzelung verstanden wird – nicht nur sozial und spirituell, sondern auch agrarisch und existenziell. Landwirtschaft, Spiritualität und soziale Ordnung bilden eine untrennbare Einheit. Die Ehrfurcht vor Ahnen und Geistern stabilisiert dadurch konkrete Praktiken nachhaltiger Landnutzung, Bodenpflege und gemeinschaftlicher Ernährungssicherung.
Diese tiefe Verbundenheit von Mensch, Boden und Gemeinschaft führt dazu,
dass Natur als Teil des eigenen Lebens wahrgenommen und nicht als bloße
Ressource behandelt wird. Aus agrartheologischer Perspektive zeigt sich, dass
nachhaltige Landwirtschaft nicht primär als technische Aufgabe, sondern als
religiös und sozial verankerte Verpflichtung verstanden wird. Das Wohlergehen
der Gemeinschaft – von Menschen, Tieren und Pflanzen – hängt von der Bewahrung
dieses relationalen Gleichgewichts ab (vgl. Niwagila, 1991, S. 336).
Besonders anschaulich wird diese agrarische Spiritualität in traditionellen Familiengebeten, die von Familienoberhäuptern gesprochen werden. In diesen Gebeten werden nicht nur Menschen, sondern auch Tiere wie Spinnen, Ratten, Eidechsen, Kühe, Ziegen und sogar Schlangen einbezogen. Damit wird das tägliche Leben – einschließlich Landwirtschaft und Ernährung – ausdrücklich in einen spirituellen Horizont gestellt. Das Gebet fungiert so als agrartheologischer Vollzug, in dem die Verbundenheit aller Lebewesen und die Abhängigkeit menschlichen Lebens von Boden, Natur und göttlicher Fürsorge anerkannt werden (vgl. Niwagila, 1991, S. 389–390).
4.2 Relationale Ontologie: „Ich bin, weil wir sind“
Afrikanische Schöpfungsspiritualität gründet in einer relationalen Ontologie („Ich bin, weil wir sind“), in der Menschen, Natur, Ahnen, spirituelle Mächte und Gott in einem umfassenden Beziehungsgeflecht existieren. Der Kerngedanke lässt sich mit dem Konzept des Ubuntu fassen: Identität entsteht in Beziehung.
Dieser relationale Gedanke wird auf die gesamte Schöpfung ausgeweitet: Das eigene Sein hängt nicht nur von anderen Menschen ab, sondern ebenso vom Boden, der ernährt, von den Tieren, die mit uns leben, und von den Ahnen, die vor uns da waren. Realität wird nicht als Summe isolierter Einzelteile verstanden, sondern als Netzwerk wechselseitiger Bezogenheit.
Im Kontrast zu substanzbasierten Ontologien, die Wirklichkeit in voneinander getrennte Entitäten gliedern – hier der Mensch, dort der Baum –, versteht diese Perspektive die Wirklichkeit als vernetztes Ganzes. Eine strikte Trennung zwischen sakral und säkular ist in diesem Rahmen unüblich; Natur gilt als ehrfurchtgebietend und schützenswert. Das menschliche Sein hängt untrennbar von Boden, Tieren, Ahnen und Gott ab.
Afrikanische traditionelle Gesellschaften lehnen eine scharfe Trennung zwischen dem Spirituellen und dem Physischen tendenziell ab und nehmen beide als Dimensionen eines ungeteilten Kosmos wahr, was eine ganzheitliche ökologische und spirituelle Weltsicht begründet (vgl. Kavusa, 2021, S. 48). Daraus folgen theologische Konsequenzen: Ökologische Schäden erscheinen nicht lediglich als technische Probleme, sondern als Brüche in Beziehungsgeflechten. Gott wird als allgegenwärtig verstanden; insofern wird Natur zum Ort theologischer Verantwortung (Keshomshahara, 2022, S. 26–28).
5. Gelebte Ökologie bei den Bahaya und Banyambo
Die theologische Grundhaltung afrikanischer Schöpfungsspiritualität bleibt nicht abstrakt. Bei den Bahaya und Banyambo in der Kagera-Region im Nordwesten Tansanias nimmt sie Gestalt an als gelebte Ökologie (Niwagila, 1991, S. 389). Hier zeigt sich, wie eine religiös fundierte Weltsicht nachhaltige Praktiken hervorbringen kann. Diese Praktiken sind nicht als isolierte Elemente zu verstehen, sondern als interdependente Ausprägungen relationaler Ontologie.
5.1 Sakrale Geografie
In afrikanischen Kosmologien gelten natürliche Elemente nicht als bloße Ressourcen, sondern als Träger spiritueller Verantwortung. Geister, die in Gewässern, im Land oder im Himmel verortet werden, sind für den Schutz von Wasser, Boden und klimatischer Ordnung zuständig und damit unmittelbar mit Leben, Fruchtbarkeit und Landwirtschaft verbunden. Heilige Wälder, große Bäume und Berge fungieren zugleich als spirituelle Räume und als ökologische Schutzorte.
Aus agrartheologischer Perspektive wird deutlich, dass Bodenpflege und Naturachtung als religiöse Verpflichtung verstanden werden – als integraler Dienst am Schöpfer und an der Gemeinschaft. Die Landschaft ist kein neutraler Raum, sondern eine heilige Geografie, in der Orte wie Wälder, Quellen, Flüsse, Hügel und alte Bäume besondere Bedeutung besitzen. Einige Baumarten gelten als heilig und sind vor Nutzung geschützt: Sie werden als Wohnorte von Geistern oder als Orte erfahrbarer göttlicher Präsenz angesehen. Ackerbau oder das Fällen von Bäumen sind dort tabu.
Die ökologische Funktion dieser Praxis ist erheblich: Ohne formalstaatliches Gesetzbuch schützen solche spirituellen Refugien Wassereinzugsgebiete, bewahren Biodiversität und stabilisieren lokale Mikroklimata. Der Naturschutz entspringt hier unmittelbar dem religiösen Deutungshorizont (vgl. Niwagila, 1991, S. 389).
5.2 Tabus als ökologische Regulierung
Tabus sind nicht notwendig als irrationaler Aberglaube zu verstehen, wie westliche Missionare sie häufig interpretierten, sondern als sozio-spirituelle Regulierungsmechanismen mit ökologischer Funktionalität. Sie strukturieren den Umgang mit Ressourcen: Manche Tabus untersagen das Fällen bestimmter Baumarten, andere begrenzen Jagd und Fischfang saisonal, damit Bestände sich regenerieren können. Wasserquellen dürfen nicht verunreinigt werden; Jagd und Fischfang sind zeitlich begrenzt (Niwagila, 1991). Solche Regeln wirken als Nachhaltigkeitsmechanismen.
Theologisch spiegeln Tabus die Einsicht wider, dass Natur Grenzen braucht, um Leben zu ermöglichen. In agrartheologischer Perspektive lässt sich eine Parallele zur Eden-Erzählung erkennen: Das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen (Gen 2,16–17), kann als frühe göttliche Setzung einer lebensdienlichen Grenze gelesen werden – nicht als willkürliche Freiheitsbeschränkung, sondern als Schutzordnung.
5.3 Rituale und ökologische Wiederherstellung
Ökologische Krisen wie Dürre oder Ernteausfälle werden als Zeichen gestörter Beziehungen gedeutet. Rituale – etwa Regenzeremonien oder gemeinschaftliche Versöhnungsriten – zielen auf die Wiederherstellung sozialer, spiritueller und ökologischer Balance (Niwagila, 1991; Keshomshahara, 2022). Entscheidend ist: Krise wird nicht ausschließlich naturwissenschaftlich gedeutet, sondern als relationaler Bruch, der Heilung durch Wiederherstellung von Beziehungen erfordert.
5.4 Ahnenverantwortung und Generationengerechtigkeit
Eine weitere Säule ist die Rolle der Ahnen. In der Vorstellung der Bahaya und Banyambo gehört das Land nicht nur den Lebenden, sondern zugleich den Ahnen und den Ungeborenen. Ahnen gelten als aktive moralische Instanzen, die über den Umgang mit Land wachen (Niwagila, 1991). Jede Handlung muss nicht nur vor den Nachbarn, sondern auch vor den Vorfahren und im Blick auf kommende Generationen verantwortet werden. Dadurch wird Generationengerechtigkeit kulturell tief verankert und kurzfristige Ausbeutung zugunsten langfristiger Verantwortung begrenzt (vgl. Kavusa, 2021).
5.5 Elemente der Agrartheologie und indigene Praktiken: Übersicht
Konzept oder Praktik
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Beschreibung
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Theologische oder spirituelle Bedeutung
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Ökologische Funktion
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Bezug zu den Bahaya und Banyambo
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Heilige Geografie
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Bestimmte Orte wie Wälder, Hügel, Flüsse oder alte Bäume werden als heilige Räume und Wohnorte von Geistern betrachtet.
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Diese Orte sind durch die göttliche Präsenz geweiht; es gibt keine Trennung zwischen heiligem und profanem Raum.
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Sie dienen als Refugien, schützen Wassereinzugsgebiete und stabilisieren das lokale Klima durch Nutzungsverbote.
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Tief verwurzelte Tradition, die den Zugang und das Fällen von Bäumen rituell einschränkte.
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Tabus (spirituelle Regeln)
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Über Generationen gewachsene Verbote, z. B. gegen das Fällen bestimmter Baumarten oder saisonale Jagd- und Fischfangverbote.
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Bestimmte Bäume gelten als Wächter des Waldes; Tabus sind moralische Leitplanken und Ausdruck des Gehorsams gegenüber dem Schöpfer.
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Praktische Nachhaltigkeitsmechanismen zur Erholung von Beständen und zum Schutz der Artenvielfalt.
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Systematisches ökologisches Wissen in Form spiritueller Regeln.
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Agrartheologie (Inkarnation/Eucharistie)
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Verbindung von christlicher Theologie mit der materiellen Grundlage des Ackerbodens.
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Gott bejaht durch die Menschwerdung das Materielle; Brot und Wein im Abendmahl sind Früchte der Erde und menschlicher Arbeit.
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Nachhaltige Landwirtschaft wird zum Gottesdienst; Bodenpflege als Teilnahme am schöpferischen Handeln Gottes.
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Brücke zwischen indigener Weisheit der Bahaya/Banyambo und christlicher Theologie.
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Rolle der Ahnen
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Das Land gehört nicht nur den Lebenden, sondern auch den Vorfahren und den noch ungeborenen Generationen.
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Ahnen fungieren als moralische Wächter, die über den sorgsamen Umgang mit der Schöpfung wachen.
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Sicherstellung der Generationengerechtigkeit und langfristige Bewahrung der Bodenfruchtbarkeit.
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Landbesitz in zeitübergreifender Gemeinschaft aus Ahnen, Lebenden und Ungeborenen.
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Mensch als Hüter (Diakonie der Schöpfung)
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Der Mensch wird nicht als Herrscher, sondern als Diener und Bewahrer (Hüter) der Natur verstanden.
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Diakonie als Dienst an der gesamten Schöpfung, basierend auf der Allgegenwart Gottes in der Natur.
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Verhinderung von Ausbeutung; Förderung einer Haltung des Respekts und der Pflege gegenüber Ressourcen.
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Traditionelles Selbstverständnis der Bahaya/Banyambo vor der westlichen Entheiligung der Natur.
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6. Der große Bruch: „Entortung“ Gottes, Entheiligung der Natur und ihre Folgen
Kolonialismus und bestimmte missionarische Praktiken markieren einen tiefgreifenden Bruch. Es geht dabei nicht um eine pauschale Kritik, sondern um die Analyse eines spezifischen theologischen Problems: Die Einführung platonischer und kartesianischer Dualismen trennt „spirituelle“ Seele und „materielle“ Erde und begünstigt eine Abwertung des Eigenwerts der Natur. Der Kern dieses Bruchs liegt in der Entheiligung der Natur.
Die von Missionaren eingeführten theologischen Deutungen etablieren eine scharfe Trennung zwischen Geist und Materie, Gott und Welt, heilig und profan (vgl. Kavusa, 2021). Natur wird ihrer spirituellen Dimension entleert und als ausbeutbare Ressource interpretiert. Pointiert lässt sich dies in dem Bild ausdrücken: Gott wird „aus der Landschaft, aus den heiligen Hainen und Quellen in neu gebaute Kirchengebäude umgesiedelt“. Das Heilige zieht sich aus der Welt zurück und wird an speziell geweihte Orte gebunden. Indigene Schutzmechanismen werden delegitimiert, Land zur Ware, Landwirtschaft zur Extraktion..
Niwagila formuliert in diesem Zusammenhang eine scharfe Kritik: Die ökologische Tragödie Afrikas beruhe wesentlich darauf, dass afrikanische Gesellschaften westliche Werte übernommen und eigene ökologisch verankerte Traditionen verworfen hätten; im Namen von Entwicklung, Fortschritt und Christentum seien sie zu Gegnern der eigenen Lebensgrundlagen geworden (Niwagila, 1991, S. 389).
Koloniale Landwirtschaft folgt einer extraktivistischen Logik, sichtbar etwa in der Einführung von Monokulturen (z. B. Kaffee, Baumwolle) und der Privatisierung zuvor gemeinschaftlich genutzten Landes. Dadurch verschiebt sich der Fokus von Sorge, Pflege und relationaler Verantwortung hin zu maximaler Ertrags- und Exportorientierung. Parallel wird das Verhältnis zwischen Religion und Natur in Tansania durch koloniale und missionarische Interventionen beschädigt. Missionarische Theologie trägt zur Entheiligung der Natur bei, indem sie deren spirituelle Qualität häufig als „Heidentum“ oder „Animismus“ abwertet. In diesem Prozess wird Gott symbolisch aus Flüssen, Wäldern und Landschaften „entortet“ und in Kirchengebäude verlagert; die enge Verbindung zwischen göttlicher Präsenz, Natur und alltäglicher Praxis wird aufgebrochen.
Als paradigmatisches Beispiel kann der Fall von Bugabo County in den 1960er Jahren gelten: Missionare ermutigen Konvertitinnen und Konvertiten, traditionelle heilige Bäume zu fällen, um die Stärke des neuen Glaubens zu demonstrieren. Die Bevölkerung folgt dieser Aufforderung und zerstört Bäume, die über Generationen als unantastbar galten. In der lokalen Deutung folgen darauf Dürre, Schädlingsplagen, wiederholte Ernteausfälle und schließlich Hungersnot (Niwagila, 1991, S. 389). Unabhängig von der naturwissenschaftlichen Kausalrekonstruktion macht das Beispiel deutlich: Tabus und heilige Orte fungierten als überlebenswichtige Risikomanagement- und Schutzstrategien; ihre Delegitimierung erhöht Verwundbarkeit.
J. N. K. Mugambi formuliert eine eindringliche Warnung: Die anhaltende rücksichtslose Ausbeutung der Umwelt, vielfach geprägt durch extraktivistische Wirtschaftslogiken, könne dazu führen, dass bis zum Ende des 21. Jahrhunderts kein nachhaltiger Lebensraum mehr verbleibt (zit. nach Keshomshahara, 2022, S. 25). Ausbeuterische Strukturen auf lokaler wie globaler Ebene, die ökologische Gleichgewichte zerstören und ökologisches Leiden sowie agrarische Ungerechtigkeit hervorbringen, sind ethisch nicht zu rechtfertigen und entschieden zu kritisieren. Sie gefährden nicht nur menschliches und nichtmenschliches Leben, sondern untergraben die Lebensgrundlagen gegenwärtiger und zukünftiger Generationen.
7. Analyse theologischer Risiken
Mehrere theologische Verzerrungen gefährden eine verantwortliche Praxis afrikanischer Schöpfungsspiritualität und ihrer ökologischen Ethik:
Über-Sakralisierung: die Tendenz, ökologische Entwicklungen (positive wie negative) unmittelbar dem göttlichen Willen zuzuschreiben. Dies kann menschliche Verantwortung für Umweltzerstörung verdecken und dazu führen, dass nur bestimmte „vergöttlichte“ Orte geschützt werden – nicht primär aus Sorgeethik, sondern aus Angst vor Vergeltung.
Über-Säkularisierung: das entgegengesetzte Extrem der radikalen Trennung Gottes von der Natur. Diese Haltung begünstigt eine ausbeuterische Sicht, in der Umwelt nicht als heilige Leihgabe, sondern als Ressource gilt; die spirituelle Dimension von Boden, Landwirtschaft und Ernährung wird systematisch ausgeblendet.
Wohlstandsorientierte religiöse Bewegungen: Bewegungen, die Glauben mit individuellem materiellen Erfolg gleichsetzen. Ihr Fokus auf persönlichen Gewinn kann gemeinschaftsorientierte Ethik und ökologische Verantwortung unterminieren, indem kurzfristiger Nutzen gegenüber langfristiger Bewahrung priorisiert wird.
8. Brücken bauen: Anknüpfungspunkte in der christlichen Lehre
8.1 Das Fundament der Agrartheologie: Afrikanische Schöpfungsspiritualität
Agrartheologie versteht sich als Korrektiv zu theologischen Traditionen, die Materie und Praxis tendenziell marginalisieren. Sie fordert eine „Saatgut-Theologie“, die anerkennt, dass sich zentrale Fragen von Glaube, Ökologie und Ökonomie nicht im luftleeren Raum, sondern im Horizont agrarischer Praxis entscheiden. Landwirtschaft wird damit – insbesondere in Gesellschaften wie Tansania – zum privilegierten Ort theologischer Reflexion.
Die transformative Kraft der These, nachhaltige Landwirtschaft als Gottesdienst zu deuten, liegt in der Re-Sakralisierung von Arbeit: Sie widerspricht einer kapitalistischen Logik der Ressourcenausbeutung und versteht Frömmigkeit als verkörperte ökologische Praxis. Die körperlich schwere Arbeit von Bäuerinnen und Bauern erscheint nicht als bloße Schufterei, sondern als Dienst an Gott und seiner Schöpfung.
Der Lösungsansatz besteht nicht in einer naiven Rückkehr zu vormodernen Strukturen. Vielmehr wird eine Brücke zwischen indigener Weisheit und Kernlehren christlicher Theologie gesucht. Gerade hier wird sichtbar, dass christliche Theologie Materie und Erde nicht als „zweitrangig“ behandeln kann, ohne sich selbst zu verkürzen.
8.2 Biblische Agrartheologie: Eden und ökologische Grenzen
Die biblische Tradition beginnt mit Landwirtschaft. Die erste Aufgabe des Menschen im Garten Eden besteht darin, den Garten „zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Der Mensch wird nicht in einen Tempel oder eine Stadt gesetzt, sondern in einen Garten; menschliches Überleben ist von Beginn an an Pflege und Bewahrung des Landes gebunden.
Zugleich setzt Gott Grenzen (Gen 2,16–17). Agrartheologisch gelesen verweisen diese auf göttliche ökologische Weisheit: Die Übertretung hat nicht nur moralische, sondern auch ökologische Folgen (Gen 3).
8.3 Inkarnation: Gottes „Ja“ zur materiellen Welt
Die Inkarnation – Gottes Menschwerdung in Jesus Christus – ist ein fundamentales „Ja“ zur materiellen Welt (Joh 1,14). Indem Gott einen menschlichen Leib annimmt, der auf die Gaben der Erde angewiesen ist, wird Materie theologisch aufgewertet. Aus dieser Perspektive erhält ökologische Zerstörung christologische Relevanz, weil sie die geschöpfliche Leiblichkeit verletzt, die Gott in der Inkarnation affirmiert.
8.4 Eucharistie (Abendmahl) und Landwirtschaft als Gottesdienst
In der Eucharistie werden Brot und Wein – Produkte von Ackerbau und Arbeit – sakramental. Sie sind keine abstrakten Symbole, sondern Resultate der Kooperation von Schöpfung (Erde, Sonne, Regen) und menschlicher Arbeit. Die Eucharistie bekräftigt damit die theologische Bedeutung agrarischer Praxis; Bodenpflege und Saatgutsorge können als Teilnahme am schöpferischen Handeln Gottes verstanden werden.
Führt man diese Linien zusammen, wird Landwirtschaft zu mehr als Nahrungsmittelproduktion: Die Pflege des Bodens, die Bewahrung des Saatguts und die Sorge um gerechte Ernährungssysteme erscheinen als spirituelle und theologische Vollzüge. Agrartheologie eröffnet so die Möglichkeit, Spiritualität aus kirchlichen Räumen wieder in Felder und Äcker rückzubinden.
Zusammenfassend lässt sich dies als Akt theologischer Wiedervererdung (re-earthing) beschreiben: Schöpfungsauftrag, Inkarnation und Eucharistie werden im Horizont materieller Realität – insbesondere des Bodens – neu verortet. Dieser Ansatz wirkt der historischen Entheiligung entgegen, indem er das Heilige als Beziehungswirklichkeit zur Landschaft zurückbindet.
8.5 Anknüpfungspunkte im Christentum: Übersicht
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Theologisches Konzept |
Agrartheologische Bedeutung |
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Schöpfung (Garten Eden) |
Der biblische Schöpfungsauftrag beschreibt die erste und grundlegende Aufgabe des Menschen als eine landwirtschaftlich geprägte Verantwortung: das Land zu „bebauen und zu bewahren“. Menschliches Leben und Überleben sind demnach unmittelbar an eine sorgsame Pflege der Schöpfung gebunden. Die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen stellt keine nachgeordnete ethische Option dar, sondern ist konstitutiv für das Menschsein selbst. |
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Inkarnation (Menschwerdung Gottes) |
In der Inkarnation artikuliert sich Gottes tiefes „Ja“ zur materiellen Welt. Indem Gott Mensch wird und damit auf Nahrung, Boden und ökologische Bedingungen angewiesen ist, erhält die materielle Schöpfung eine christologische Relevanz. Ökologische Zerstörung wird so zu einem genuin theologischen Problem, da sie den Lebensraum betrifft, den Christus selbst geteilt hat. Die Vergiftung des Bodens berührt folglich nicht nur ökologische, sondern auch christologische Kernanliegen. |
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Eucharistie (Abendmahl) |
Brot und Wein sind keine abstrakten oder rein symbolischen Gaben, sondern konkrete Früchte des Zusammenwirkens von Erde, Sonne, Regen und menschlicher Arbeit. Die Eucharistie stellt damit eine materiell verankerte Erinnerung an den Acker und die landwirtschaftliche Praxis dar. Sie bekräftigt die theologische Würde der Landwirtschaft und verweist auf die Heiligkeit jener Prozesse, durch die menschliche Ernährung und Gemeinschaft überhaupt erst möglich werden. |
9. Agrartheologie im tansanischen Kontext
In Tansania bietet Agrartheologie einen kohärenten Rahmen, um indigene Öko-Spiritualitäten mit zeitgenössischen agroökologischen Praktiken zu verbinden.
9.1 Indigene Weisheit wiedergewinnen
Praktiken wie heilige Haine und gemeinschaftliche Landeethik können kritisch wiedergewonnen und als Ausdruck christlicher Schöpfungsverantwortung neu interpretiert werden, statt sie als vorchristliche Reste abzuwerten. Entscheidend ist nicht Nostalgie, sondern die Frage, welche Wissensformen ökologische Resilienz, soziale Bindung und langfristige Verantwortung stärken.
9.2 Kirchliche Praxis agrartheologisch deuten
Kirchliche Aktivitäten lassen sich agrartheologisch neu lesen: Baumpflanzungen werden zur liturgischen Teilhabe an der Schöpfung; Saatgut-Segnungen artikulieren sakramentale Hoffnung; landwirtschaftliche Schulungen können als pastorale Sorge verstanden werden, die spirituelles und materielles Wohlergehen verbindet. Landwirtschaft erscheint so nicht als „weltliches Zusatzthema“, sondern als Ort, an dem Seelsorge, Gerechtigkeit und Schöpfungsverantwortung konkret werden.
9.3 Ökologische Spiritualität kultivieren
Agrartheologie fördert eine Spiritualität, die im Respekt vor dem Boden, in Dankbarkeit für die Gaben der Natur und in Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen verwurzelt ist. Religiöse Bildung kann so unmittelbar zu ökologischer Bildung beitragen (R-BNE). Die leitende Überzeugung resoniert mit afrikanischer Weisheit: „Wer die Natur ehrt, ehrt den Schöpfer. “Nachhaltige Landwirtschaft wird zum Akt des Glaubens und verschiebt Theologie weg vom Anthropozentrismus hin zu Verantwortung, Pflege und Vertrauen.
10. Zeitgenössische Dynamiken
Afrikanische Schöpfungsspiritualität bietet einen tragfähigen Rahmen für ökologische Resilienz und verantwortliche Landwirtschaft, ist jedoch weder statisch noch idealisiert zu verstehen. Sie ist eine lebendige Tradition, die sich im 21. Jahrhundert mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen, Modernisierung und agrarökologischen Herausforderungen auseinandersetzen muss. Eine unkritische Romantisierung würde historische Ambivalenzen vormoderner Landnutzung ausblenden und notwendige Weiterentwicklungen verstellen.
Keshomshahara betont, dass weder Übernutzung noch Vernachlässigung der Natur zu einer nachhaltigen Zukunft führen. Er fordert ein Prinzip der Mäßigung, das Schöpfungsbewahrung mit der Sicherung menschlicher Lebensgrundlagen und dem Schutz anderer Lebensräume verbindet (vgl. Keshomshahara, 2022, S. 28). Zugleich ist anzuerkennen, dass sich Praktiken, religiöse Überzeugungen und das Verhältnis zum Boden tiefgreifend verändern. Insbesondere jüngere Generationen in urbanen Räumen entfernen sich von landwirtschaftlicher Praxis, traditionellem Wissen über Boden, Saatgut und Ernährungssysteme sowie von religiösen Deutungen früherer Generationen. Urbanisierung, Marktorientierung und technisierte Landwirtschaft tragen dazu bei, dass der Ackerboden als existenzielle Lebensgrundlage aus dem Alltagsbewusstsein vieler Menschen verschwindet.
Unter diesen Bedingungen kann afrikanische traditionelle Religion nicht unverändert fortgeschrieben werden. Ihr agrartheologisches Potenzial liegt vielmehr in der kritischen Wiederaneignung zentraler Einsichten: der relationalen Verbundenheit von Mensch, Boden und Gemeinschaft; der intergenerationellen Verantwortung für Land und Ernte; sowie der religiösen Aufwertung landwirtschaftlicher Arbeit. Diese Einsichten sind kontextuell neu zu interpretieren und in zeitgenössische agroökologische Diskurse zu integrieren.
In einer religiös und kulturell hybriden Gegenwart, geprägt von pluralen Glaubensformen und auch säkularen Deutungen, geht es daher nicht um eine Rückkehr zu vormodernen Agrarsystemen, sondern um die Entwicklung einer kontextuellen Agrartheologie. Eine solche Agrartheologie verbindet indigene ökologische Weisheit mit zeitgenössischer Agroökologie und christlicher Schöpfungstheologie und bietet Orientierung für verantwortliche Landwirtschaft, nachhaltige Ernährungssysteme und theologisch begründete Sorge um den Boden als Lebensgrundlage gegenwärtiger und zukünftiger Generationen.
11. Schluss: Vom Altar zum Acker – abschließende Reflexion
Agrartheologie bietet einen Entwurf, der Glauben erneut im Boden verortet: Land erscheint als heilige Leihgabe, nicht als Ware. Sorge für Saat und Erde wird zu einer Praxis des Glaubens – im Dienst der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
Die Analyse der ökologischen Weisheit der Bahaya und Banyambo zeigt, wie relational geprägte Spiritualität wirksame Nachhaltigkeitspraktiken hervorbringen kann. Der historische Bruch der Entheiligung der Natur macht die verheerenden Folgen einer Trennung von Spiritualität und Materialität sichtbar. Die Reintegration dieser Perspektiven in christliche Theologie – über Schöpfungsauftrag, Inkarnation und Eucharistie – eröffnet einen Weg der Heilung.
Damit wird die zentrale These bekräftigt: Bodenpflege und der Einsatz für gerechte Ernährungssysteme sind nicht sekundäre ethische Tätigkeiten, sondern theologische Vollzüge und Ausdruck gelebten Glaubens.
Ein letzter Impuls bleibt: Wenn die zentralen Elemente des Gottesdienstes – Brot und Wein – aus dem Ackerboden hervorgehen, was bedeutet dies für alltägliche Essgewohnheiten? Was wäre, wenn der tägliche Einkauf nicht nur als Konsum, sondern als alltäglicher Akt der Gemeinschaft mit der Schöpfung verstanden würde? Agrartheologie lädt dazu ein, den „Altar“ nicht nur in der Kirche, sondern auch im Ackerboden wiederzuentdecken.
Literaturverzeichnis
Bloomquist, K. (2013). Theology in the public sphere. Lutheran University Press.
Drewermann,
E. (1998). Der
tödliche Fortschritt. Patmos.
Gitau, S. K. (2000). The
environmental crisis: A challenge for African Christianity. Acton Publishers.
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